Überlegungen zu Entwicklungspolitik und Commons

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  • Michael Frein und Stefan Tuschen: Zwei Konzepte, ein Ziel? Überlegungen zu Entwicklungspolitik und Commons

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Was haben Entwicklungspolitik und Commons miteinander zu tun? Wer sich mit beiden Debatten auseinandersetzt, kann durchaus Gemeinsamkeiten finden. Viele Fragen, die im Rahmen der Commons-Debatte aufgegriffen werden, sind in den Entwicklungsländern von großer Bedeutung. Bietet das Konzept der Commons Perspektiven für die entwicklungspolitische Arbeit?

In der globalen entwicklungspolitischen Debatte werden – grosso modo – zwei Ansätze diskutiert: nachholende versus nachhaltige Entwicklung. Nachhaltige Entwicklung hebt die Verantwortung des Nordens für Armut und Marginalisierung im Süden hervor.

Zukunftsfähiges Deutschland, Änderung der Lebensstile, ökologischer Umbau – zahlreiche Ansätze fordern einen sozioökonomischen Wandel im Norden als Voraussetzung für Entwicklung im Süden.

Demgegenüber setzt nachholende Entwicklung darauf, dass der Süden sich in die bestehenden, vom Norden geschaffenen globalen Strukturen einpasst. Dies geht einher mit der neoliberalen Idee einer sich selbst regulierenden Wirtschaft, einem schlanken Staat und einer Gesellschaft, die auf Eigenverantwortung setzt. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche globalisiert sich, Entwicklungsländer sollen stärker in den Welthandel einbezogen werden, attraktiver für ausländische Direktinvestitionen werden, Rechte an geistigem Eigentum schützen, die soziale Marktwirtschaft als Modell einführen – kurzum: den gleichen Entwicklungsweg einschlagen, den der Norden bereits zurückgelegt hat.


Ressourcen, Menschen, Regeln

Die Commons-Debatte führt in eine andere Richtung. Sie beruft sich – unter anderem – auf die Allmende des europäischen Mittelalters, also etwa das von einer Gemeinschaft nach gemeinsamen Regeln gemeinsam bewirtschaftete Weideland. Dabei beugten gemeinsame Regeln und Systeme zu deren Überwachung der Übernutzung vor.

Gleichzeitig findet sich der Commons-Ansatz bei indigenen Völkern, etwa wenn es – wie auch in der Allmende – um die Nutzung von Land oder aber von traditionellem Wissen geht. Und auch globale Güter wie das Klima und die biologische Vielfalt können als Commons verstanden werden.

Das Konzept der Commons ist in keiner Welt- oder Wirtschaftsregion exklusiv zu Hause. Commons gibt es überall, im Norden wie im Süden. Grundsätzlich erfordern Commons drei Elemente: Ressourcen, Menschen und Regeln. Die Ressource materieller (natürlicher) oder immaterieller (kultureller, sozialer) Art sein und in der Natur, der Kultur, im sozialen oder im digitalen Raum vorhanden sein oder entstehen. Der Gemeinschaft verlangen Commons die Kommunikation über gemeinsamen Zugang, gemeinsame Nutzung und gemeinsame Kontrolle ab. Diese Verständigung muss sich in für die Gemeinschaft verbindlichen Regeln und Normen niederschlagen. In einem solchen Prozess der Verwaltung, (Wieder-)Aneignung, Schaffung oder Erweiterung von Commons haben alle Mitglieder der Gemeinschaft gleichberechtigte Gestaltungsmöglichkeiten. Commons können nur da entstehen und fortbestehen, wo Menschen zu ihrer Umwelt und zueinander in Beziehung treten.


Commons können durch Nutzung noch wachsen

Die Menschen und ihre Teilhabe an (letztlich politischen) Prozessen sind für den Commons-Ansatz zentral. Partizipation und Ressourcenkontrolle unterliegen nicht den Markt- und Wirtschaftlichkeitszwängen neoliberaler Provenienz. Im Unterschied zum neoliberalen Globalisierungsprojekt fordert spezifische und angepasste Lösungen, er geht nicht davon aus, dass es eine – marktförmige – one-size-fits-all-Lösung für alle Probleme an jedem Ort dieser Welt gibt.

Es geht eben nicht nur darum, eine Ressource möglichst effizient zu nutzen (und dabei alle, die über keine kaufkräftige Nachfrage verfügen, systematisch auszugrenzen), sondern darum, die Vereinbarung der Regeln und die Überwachung ihrer Einhaltung in die Hände der Betroffenen zu geben. Bei materiellen Ressourcen wird damit oftmals verhindert werden können, dass Kosten sozial und ökologisch externalisiert werden, da die Nutznießer gleichzeitig auch diejenigen wären, die diese Kosten zu tragen hätten. Und die Chancen steigen, dass die betreffende Ressource erhalten bleibt, denn Übernutzung führt zu mittel- und langfristigen Schäden, die die Nutzergemeinschaft in direkter Weise betreffen. Das Grundprinzip der Nutzung von Commons ist, dass sie – je nach ihrer Beschaffenheit – trotz der oder gerade durch die Nutzung erhalten bleiben oder sogar wachsen.

Abzugrenzen ist das Konzept der Commons von öffentlichen Gütern wie Straßen und sonstiger Infrastruktur. Ebenfalls ist zwischen Commons und Open-Access-Ansätzen zu unterscheiden. Traditionelles Wissen etwa ist ein Common innerhalb der Gemeinschaft des indigenen Volkes, die es pflegt und nutzt. Hier sind die Nutzungsregeln für alle Mitglieder des betreffenden Volkes klar definiert, mitunter auch in einer Weise, dass bestimmte Personen (etwa traditionelle Heiler) ein Wissensmonopol haben, das jedoch allen Mitgliedern der Gemeinschaft in gleicher Weise zugute kommt.

Global kann traditionelles Wissen kein Common sein, da es global verabredeten Nutzungsformen gibt. Im Gegenteil: Biopiraterie, also unter anderem die Patentierung traditionellen Wissens durch nördliche Unternehmen gegen den expliziten Willen indigener Völker, machen andere Regeln zum Schutz traditionellen Wissens erforderlich.

Gemeinschaften, die Commons verwalten, sind aber nicht immer nur klein wie ein mittelalterliches Dorf und seine Allmende, sie sind auch nicht immer klar abgrenzbar wie ein indigenes Volk. Zur Gemeinschaft gehören gegebenenfalls alle, die sich den gleichen Regeln zur Nutzung einer bestimmten Ressource unterwerfen. Ein Beispiel hierfür ist das Betriebssystem Linux oder andere freie Software, die millionenfach genutzt und von vielen Menschen ständig weiterentwickelt wird – ohne dass sie einem Unternehmen gehört oder durch Rechte an geistigem Eigentum geschützt wird. Es funktioniert einfach: Die Community kümmert sich – entsprechend der Regeln – um ihre Ressource. Letztlich wäre auch denkbar, dass die gesamte Menschheit eine Gemeinschaft bildet, die eine Ressource, etwa das Klima, verwaltet. So könnte das Klima zumindest den Charakter eines Gemeingutes annehmen.


Lokal angepasste Problemlösungen

Commons sind nicht, sie müssen wachsen, gepflegt werden, sich entwickeln. Die Gemeinschaft, die gemeinsam eine Ressource nutzt, macht diese erst zu einem Common.

Dabei sind Commons keineswegs ein Konzept nur für den globalen Süden, und Commons sind im politischen Geschäft auch nicht der Entwicklungspolitik vorbehalten.

Auch wenn und gerade weil sie kein Passepartout für die Lösung aller Probleme bieten mögen:

- Commons heute als Anti-These zum neoliberalen Globalisierungsmainstream eine Perspektive jenseits von Staat und Markt. Die Commons-Debatte zeichnet sich auch dadurch aus, dass ein globaler Ansatz explizit auf lokal angepasste, spezifische Problemlösungen setzt, es also nicht darum geht, vorgefertigte Muster auszufüllen.

Für die Entwicklungspolitik bietet der Commons-Ansatz in der Tat Perspektiven. Dabei sind zwei Punkte hervorzuheben: Erstens widersetzt sich das Commons-Konzept der neoliberalen Ökonomisierung aller Lebensbereiche, es lenkt die Suche nach Problemlösungen auf andere Wege. Für eine Entwicklungspolitik, die ihrem Selbstverständnis nach an der Seite der Armen und Marginalisierten steht, also Gruppen, die nicht zum Kern der kaufkräftigen Nachfrage gehören, bieten sich hier interessante Anknüpfungspunkte.

Zweitens wendet der Commons-Ansatz die Kompetenz der Menschen zur Lösung ihrer Probleme gegen alle Passepartouts, unabhängig davon, ob diese im Namen nachholender oder nachhaltiger Entwicklung daherkommen. Ungeachtet aller Notwendigkeit für eine entwicklungsfördernde globale Ordnungspolitik muss es darum gehen, Freiräume für Gemeinschaften zu erhalten und zu schaffen, um ihre jeweiligen Interessen verfolgen zu können – von der lokal organisierten Nutzung eines Waldes über die global vernetzte Anwendung eines Betriebssystems für Computer.


Info

Michael Frein leitet die Arbeitsstelle Handel und Umwelt im Referat Entwicklungspolitischer Dialog beim Evangelischen Entwicklungsdienst, Stefan Tuschen ist Mitarbeiter derselben Abteilung.

Quelle: Die Renaissance der Gemeingüter. INKOTA-Dossier 8, September 2010, S. 8-9